Fed im Dilemma
Rohstoffe
Carsten Stork
03. Mai 2026

Fed im Dilemma

Die Fed steckt fest: Die Wirtschaft braucht Zinssenkungen, doch die Inflation spricht dagegen. Genau diese Mischung nährt das Stagflationsrisiko.


Die vergangene Woche hat sehr deutlich gezeigt, in welchem Dilemma die Notenbanken aktuell stecken. Fed-Chef Jerome Powell tat am Mittwoch genau das, was Donald Trump besonders verärgert: Er senkte die Zinsen nicht. Die Fed beließ den Leitzins unverändert in der Spanne von 3,50 % bis 3,75 %. Gleichzeitig machte das FOMC klar, dass die Inflation weiterhin erhöht bleibt – ausdrücklich auch wegen der zuletzt gestiegenen globalen Energiepreise. Die Entwicklungen im Nahen Osten erhöhen laut Fed zudem die Unsicherheit über den weiteren wirtschaftlichen Ausblick.

Damit bestätigt die Fed genau das Spannungsfeld, das aktuell die Märkte prägt: Die Wirtschaft verliert an Dynamik, aber die Inflation kommt wieder zurück. In den USA wird für die nächste Veröffentlichung eine Inflationsrate von rund 3,6 % erwartet. Auch in der Eurozone liegt die Teuerung mit rund 3 % wieder klar über dem Zielwert der Notenbanken von 2 %. Eigentlich würden schwächere Wachstumsdaten Zinssenkungen rechtfertigen. Das US-BIP wuchs zuletzt nur noch um rund 0,5 %, das EU-BIP sogar nur um 0,1 %. Doch höhere Energiepreise, steigende Transportkosten und die Folgen der blockierten Straße von Hormuz machen Zinssenkungen deutlich schwieriger.

Besonders interessant war auch die Abstimmung innerhalb der Fed. Stephen Miran hätte bereits eine Zinssenkung um 25 Basispunkte bevorzugt. Gleichzeitig lehnten Beth Hammack, Neel Kashkari und Lorie Logan zwar keine unveränderten Zinsen ab, wollten aber keinen vorsichtigen Lockerungston im Statement sehen. 

Das zeigt: Die Fed ist intern gespalten zwischen Wachstumsrisiken und Inflationsrisiken. 

Genau hier entsteht das neue Narrativ: Stagflation. Also eine Phase, in der Wachstum schwach bleibt, während Preise weiter steigen. Noch ist das keine bestätigte Stagflation, aber die Richtung ist gefährlich.

Die Fed wird kurzfristig sehr wahrscheinlich auf Sicht fahren. Eine schnelle Zinssenkung ist schwer zu begründen, solange Energiepreise hoch bleiben und die Inflationserwartungen steigen. Gleichzeitig kann Powell die Zinsen aber auch nicht aggressiv erhöhen, weil die Konjunktur bereits deutlich an Schwung verliert.

Das aktuelle Statement ist deshalb bewusst offen formuliert. Die Fed will incoming data, Inflation, Arbeitsmarkt, Inflationserwartungen sowie internationale Entwicklungen genau beobachten. Mit anderen Worten: Die Straße von Hormuz, Energiepreise und globale Rohstoffmärkte sind inzwischen direkt Teil der geldpolitischen Reaktionsfunktion geworden.

Für die Märkte bedeutet das: Der Zinssenkungszyklus wird weiter nach hinten geschoben. Selbst ein möglicher Fed-Chef Kevin Warsh hätte in dieser Situation vermutlich kaum anders gehandelt. Der politische Druck aus dem Weißen Haus spricht für Zinssenkungen, die Inflationsdaten sprechen dagegen. Genau das macht die Lage so sensibel.

Die Fed kann aktuell weder klar dovish noch klar hawkish auftreten. Sie muss verhindern, dass sich Inflationserwartungen verankern, darf aber gleichzeitig die Konjunktur nicht weiter abwürgen. Das Ergebnis ist ein klassisches „Higher for Longer“-Umfeld: weniger Zinssenkungen, längere Hochzinsphase, mehr Volatilität.

Für Risikoassets ist das schwierig. Aktien leiden, wenn schwächeres Wachstum auf hohe Zinsen trifft. Anleihen profitieren ebenfalls nicht automatisch, weil Inflation die Renditen oben hält. Relativ stabil bleiben vor allem jene Segmente, die direkt von der aktuellen Knappheit profitieren – also Energie, ausgewählte Rohstoffe und Teile des Agrarsektors.

Fazit

Die Fed steht aktuell in einer echten Zwickmühle. Die wirtschaftliche Lage würde eigentlich nach Zinssenkungen rufen, doch die Inflation spricht dagegen. Genau diese Kombination ist gefährlich, weil sie das Stagflationsnarrativ weiter stärkt.


Noch sind wir nicht in einer klassischen Stagflation. Dafür müssten Arbeitslosigkeit und Kerninflation deutlich breiter steigen. Aber die Vorzeichen verschlechtern sich: Energiepreise bleiben hoch, die Straße von Hormuz ist weiter blockiert, Lebensmittel- und Düngemittelpreise ziehen an, und die Inflationserwartungen der Verbraucher steigen.

Für die Fed bedeutet das: schnelle Zinssenkungen sind kaum realistisch. Selbst wenn das Wachstum weiter schwächelt, wird Powell vorsichtig bleiben müssen, solange die Inflation nicht glaubwürdig zurück Richtung 2 % fällt.

Für uns als Trader ist das entscheidend. Das Umfeld bleibt schwierig für klassische Risikoassets, aber interessant für Rohstoffe. Energie, Agrarrohstoffe und inflationssensitive Märkte bleiben im Fokus. Die Fed wird den Markt nicht retten, solange die Inflation wieder anzieht. Genau deshalb bleibt „Higher for Longer“ das wahrscheinlichste Szenario – und Stagflation das Risiko, das die Märkte zunehmend ernst nehmen müssen.
Carsten Stork

Carsten Stork

Carsten Stork - Chefredakteur CS Investor und CS Academy. Seit 1996 handelt Carsten Stork bereits an der Börse und ist spezialisiert auf Rohstoffmärkte – die “Champions League des Tradings”. Mit dem CS Investor begleitet er Privatanleger anhand seines 4-Säulen-Systems (Storyline, COT-Daten, Saisonalität, Technik) bei Investitionen in den Bereichen Rohstoffe, Devisen und Aktien. Seine Philosophie: Mindestens zwei starke Argumente müssen zusammenkommen, bevor ein Trade eingegangen wird.