
Fed, Hormuz, Lieferketten: Der Markt handelt weiterhin Hoffnung – nicht Realität
Fed, Hormuz, Lieferketten: Der Markt handelt weiterhin Hoffnung – nicht Realität
Die Märkte haben am Freitag ein Szenario gefeiert, das so in dieser Form bislang gar nicht existiert.
Auslöser war die Aussage des iranischen Außenministers, dass die Straße von Hormuz unter Bedingungen geöffnet werde. Donald Trump interpretierte das sofort als faktische Öffnung – und der Markt folgte. Die Aktienmärkte stiegen auf neue Allzeithochs, Gold stieg und der Ölpreis brach massiv ein. Doch bereits im Verlauf des Abends zeigte sich, wie fragil diese Interpretation war. Tanker mussten in der Straße von Hormuz wieder umdrehen, Berichte über weitere Zwischenfälle machten deutlich: Gelöst ist nichts. Die große Entspannung, die am Freitag eingepreist wurde, steht in einem klaren Widerspruch zur Realität vor Ort.
Genau darin liegt aktuell das Kernproblem. Die westliche Presse übernimmt weite Teile des positiven Narrativs, obwohl sich die Lage im Nahen Osten bislang nicht substanziell verbessert hat. Jede neue Trump-Meldung zu angeblichen Fortschritten bei den Verhandlungen wurde vom Markt sofort als Deeskalation interpretiert – obwohl unklar bleibt, mit wem hier überhaupt verhandelt wird und wie belastbar diese Aussagen tatsächlich sind. Für mich bleibt klar: der Markt handelt weiterhin keine Fakten, sondern Hoffnungen. Und genau das macht die aktuelle Situation so gefährlich.
Denn selbst wenn es diplomatische Bemühungen gibt, bleiben die wirtschaftlichen Schäden der vergangenen Wochen real. Die Verwerfungen in den Lieferketten beginnen jetzt erst, wirklich sichtbar zu werden. Die letzten Tanker, die vor sieben oder acht Wochen noch durchgekommen sind, sind erst in der vergangenen Woche in Europa angekommen.
Das bedeutet: Die eigentlichen Folgen der Blockade – bei Öl, Gas, Düngemitteln und in der gesamten Energieversorgung – stehen uns womöglich erst noch bevor. Sollte keine tragfähige Einigung gefunden werden, dürfte die Knappheit in den kommenden Wochen weiter zunehmen. Dass der WTI-Preis am Freitag zwischenzeitlich unter 80 US-Dollar gefallen ist, wirkt vor diesem Hintergrund eher wie eine Fehlbewertung als wie ein neues Gleichgewicht.
Hinzu kommt, dass die Krise längst nicht mehr nur ein Energie-Thema ist. Höhere Transportkosten, längere Lieferwege und Engpässe bei zentralen Vorprodukten werden sich mit Verzögerung durch viele Rohstoffmärkte fressen.
Besonders relevant ist das bei Düngemitteln, aber auch bei Agrarrohstoffen und Soft Commodities. Wenn Energie knapper und teurer wird, steigen am Ende auch Produktions-, Verarbeitungs- und Transportkosten weltweit. Genau deshalb ist die Gefahr groß, dass wir nicht nur einen Ölpreisschock sehen, sondern einen deutlich breiteren Rohstoffpreisanstieg.
Auch auf der Zinsseite wird die Lage dadurch komplizierter. Die Aussicht auf sinkende Zinsen in den USA ist durch den neuen Inflationsdruck zunächst einmal deutlich in den Hintergrund gerückt. Waller, der zuletzt eher als dovish galt, hat sich deutlich vorsichtiger und restriktiver geäußert. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass in Europa die Zinsen dieses Jahr noch um 50 Basispunkte steigen werden.
Damit trifft ein externer Angebotsschock auf eine Welt, in der Geldpolitik nicht mehr automatisch stabilisierend eingreifen kann. Genau dieses Umfeld ist für klassische Risikoanlagen schwieriger, für ausgewählte Rohstoffe dagegen konstruktiv.
Was zusätzlich auffällt: Industriemetalle wie Kupfer und Aluminium zeigen trotz des gesamten geopolitischen Lärms weiter Stärke. Gerade bei Aluminium ist das relevant, weil Produktionskapazitäten im Nahen Osten getroffen wurden und das Angebot damit zusätzlich unter Druck gerät. Auch das passt nicht zu dem Narrativ einer sauberen Entspannung. Wenn Energie, Transport und industrielle Vorprodukte gleichzeitig knapper werden, ist das ein Umfeld, in dem steigende Preise eher die logische Folge als die Ausnahme sind.
FAZIT
Der Markt hat am Freitag ein Friedensszenario eingepreist, das bislang nicht bestätigt ist. Die Realität spricht weiter für ein fragiles, ungelöstes Umfeld im Nahen Osten – mit potenziell steigenden Energiepreisen, zunehmenden Lieferkettenproblemen und neuem Inflationsdruck. Genau deshalb halte ich die zum Wochenschluss gesehenen Marktlevels für fragil. Für uns als Trader heißt das: Wir bleiben flexibel, aber klar wachsam. Sollte sich die vermeintliche Entspannung erneut als Illusion herausstellen, dürften Öl, ausgewählte Rohstoffe und inflationssensitive Märkte schnell wieder nach oben drehen.

Carsten Stork
Carsten Stork - Chefredakteur CS Investor und CS Academy. Seit 1996 handelt Carsten Stork bereits an der Börse und ist spezialisiert auf Rohstoffmärkte – die “Champions League des Tradings”. Mit dem CS Investor begleitet er Privatanleger anhand seines 4-Säulen-Systems (Storyline, COT-Daten, Saisonalität, Technik) bei Investitionen in den Bereichen Rohstoffe, Devisen und Aktien. Seine Philosophie: Mindestens zwei starke Argumente müssen zusammenkommen, bevor ein Trade eingegangen wird.