Der Ölpreis zwischen geopolitischer Eskalation und Entspannung
Märkte
Carsten Stork
14. September 2026

Der Ölpreis zwischen geopolitischer Eskalation und Entspannung

Seit Juli sind die Ölpreise um mehr als 50 Prozent gestiegen. Gleichzeitig stehen mit der Straße von Hormus und Bab al-Mandab zwei wichtige Energierouten unter Druck. Damit wächst die Sorge, dass der Ölpreis deutlich über 100 US-Dollar je Barrel steigen könnte.

Vom Überangebot zur Eskalation

Ende vergangenen Jahres erwarteten viele Beobachter fallende Preise. Ein Überangebot, die schwächere Weltwirtschaft und die wirtschaftlichen Probleme Chinas sprachen für WTI-Preise unter 50, teilweise sogar nahe 40 US-Dollar.

Mit dem Ausbruch des Iran-Krieges am 28. Februar änderte sich die Lage jedoch schlagartig. Anfang März stiegen die Ölpreise auf über 100 US-Dollar, bevor sie sich wieder beruhigten. Seit den Tiefständen vom 2. Juli legten WTI und Brent erneut um mehr als 50 Prozent zu. Am Donnerstag schloss Brent bei 107,63 US-Dollar, WTI bei 102,48 US-Dollar.

Warum der Ölpreis zunächst kaum reagierte

Ein Krieg im Nahen Osten führt nicht automatisch zu einer Ölkrise. Entscheidend ist, wie viele Barrel tatsächlich auf dem Weltmarkt fehlen. Solange Tanker fahren und Förderanlagen arbeiten, bleibt die zusätzliche Risikoprämie begrenzt.

Eine wichtige Rolle spielte China. Das Land kaufte vor dem Krieg mehr als 80 Prozent der iranischen Ölexporte. Als diese Lieferungen wegen der zunehmenden Blockade einbrachen, konnte Peking zunächst auf seine großen Lagerbestände zurückgreifen und die Käufe reduzieren. Dieser Puffer ist jedoch nicht unbegrenzt. Je länger der Konflikt dauert, desto größer wird der Druck, wieder stärker als Käufer aufzutreten.

Zwei wichtige Seewege unter Druck

Die Straße von Hormus ist einer der bedeutendsten Öltransportwege der Welt. Nach Angaben der US-Energiebehörde EIA wurden dort zuletzt täglich rund 21 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte transportiert – etwa ein Fünftel des weltweiten Verbrauchs.

Nun rückt auch Bab al-Mandab stärker in den Fokus. Die vom Iran unterstützten Houthis haben den strategisch wichtigen Hafen Mocha an der jemenitischen Küste eingenommen und Angriffe auf die Hanish-Inseln gestartet. Die Meerenge verbindet den Golf von Aden und den Indischen Ozean mit dem Roten Meer sowie über den Suezkanal mit dem Mittelmeer.

Damit stehen zwei zentrale maritime Nadelöhre der Arabischen Halbinsel gleichzeitig unter Druck.

Europas Gasversorgung ist ebenfalls betroffen

Auch der europäische Erdgasmarkt gerät zunehmend unter Druck. Der niederländische TTF-Future lag im Sommer noch bei rund 40 Euro je Megawattstunde, inzwischen wurden fast 80 Euro erreicht.

Mehr als 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels laufen durch die Straße von Hormus, ein großer Teil davon stammt aus Katar. Da Europa nach dem weitgehenden Wegfall russischer Pipeline-Lieferungen stärker vom globalen LNG-Markt abhängt, könnte eine längerfristige Störung im Persischen Golf den Wettbewerb mit Asien um LNG-Ladungen verschärfen.

Steigende Energiepreise werden zum politischen Problem

Für US-Präsident Donald Trump entwickelt sich der Konflikt zunehmend zu einer innenpolitischen Belastung. Während zunächst das iranische Atomprogramm und ein möglicher Regimewechsel im Mittelpunkt standen, dominieren inzwischen Tankerangriffe, Hormus, die Houthis und steigende Energiepreise die Debatte.

Trump hatte Benzinpreise von unter zwei US-Dollar je Gallone in Aussicht gestellt. Tatsächlich liegt der landesweite Durchschnitt inzwischen bei rund 4,28 Dollar.

Für die Verbraucher ist dabei nicht nur der Rohölpreis entscheidend. Auch die sogenannten Crack Spreads – die Differenz zwischen dem Rohölpreis und dem Wert von Produkten wie Benzin, Diesel oder Heizöl – spielen eine wichtige Rolle. Steigen sowohl der Ölpreis als auch die Raffineriemargen, wird die Belastung besonders groß.

Gefahr für Inflation und Zinsen

Der Krieg verschärft damit das Inflationsproblem. Höhere Energiepreise verteuern Transport, Produktion und Heizung. Die US-Produzentenpreise lagen im August bereits 5,4 Prozent über dem Vorjahr. Gleichzeitig lag die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinserhöhung der US-Notenbank beim September-Treffen bei fast 70 Prozent.

Wie hoch kann der Ölpreis steigen?

Ein Anstieg des Brent-Preises auf 150 oder sogar 200 US-Dollar lässt sich in diesem Konflikt nicht vollständig ausschließen. Dafür müsste sich die Lage jedoch deutlich verschärfen – etwa durch eine längerfristige Sperrung der Straße von Hormus, massive Störungen bei Bab al-Mandab oder Schäden an wichtigen Förder- und Exportanlagen.

Dies ist möglich, aber nicht das Basisszenario. Je stärker der Ölpreis über 100 US-Dollar steigt, desto größer werden die wirtschaftlichen und politischen Gegenkräfte. Hohe Energiepreise bremsen die Nachfrage und erhöhen den Druck auf die beteiligten Regierungen.

Fazit: Kurzfristig hohe Risiken, langfristig eher Entspannung

Mit Hormus und Bab al-Mandab stehen derzeit zwei zentrale Energierouten unter Druck. Kurzfristig bleibt das Risiko weiterer Ölpreisspitzen deshalb hoch.

Eine dauerhafte Bewegung in Richtung 150 oder 200 US-Dollar ist jedoch nicht das wahrscheinlichste Szenario. Insbesondere die Golfstaaten haben ein großes wirtschaftliches und strategisches Interesse daran, die Eskalation zu beenden und die Handelswege zu sichern. Deshalb ist eher damit zu rechnen, dass die Ölpreise gegen Ende dieses Jahres oder zu Beginn des kommenden Jahres wieder sinken.

Carsten Stork

Carsten Stork

Carsten Stork - Chefredakteur CS Investor und CS Academy. Seit 1996 handelt Carsten Stork bereits an der Börse und ist spezialisiert auf Rohstoffmärkte – die “Champions League des Tradings”. Mit dem CS Investor begleitet er Privatanleger anhand seines 4-Säulen-Systems (Storyline, COT-Daten, Saisonalität, Technik) bei Investitionen in den Bereichen Rohstoffe, Devisen und Aktien. Seine Philosophie: Mindestens zwei starke Argumente müssen zusammenkommen, bevor ein Trade eingegangen wird.